Bibelstudium
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1.4 Zur Frage nach dem leeren Grab

Heftig umstritten ist die Frage, ob die Überlieferung vom leeren Grab einen historischen Haftpunkt hat.

► Pro: Für eine bejahende Antwort werden vor allem folgende Argumente vorgebracht:

  1. Die Osterbotschaft hätte sich in Jerusalem nicht halten können, wenn man auf den Leichnam Jesu im Grab hätte verweisen können.
  2. Nach jüdischer Anthropologie setzt auch die Formeltradition ein leeres Grab voraus.
  3. Es muss eine alte Lokaltradition vom Grab Jesu gegeben haben, weil man sonst unter Konstantin nicht mitten in der Stadt gesucht hätte. Die Angaben in Joh 19,41 könnten darauf zurückgehen, und Mk 16,6 setze eine fest überlieferte Lokaltradition voraus.
  4. Die Grabesgeschichte hat einen historischen Kern, weil ihre älteste Gestalt (Mk 16,1-8) nicht naheliegenden apologetischen und theologischen Interessen folgt:
  • Da Frauen als Zeugen fungieren, wird kein gültiger Beweis für das Leersein des Grabes geliefert.
  • Das leere Grab führt nicht zum Glauben.
  • Es ist eine Distanz zwischen der Auffindung des Grabes und den Erscheinungen vorausgesetzt, die »erst in der weiteren Ausgestaltung dieser Überlieferung mühsam überbrückt werden konnte« (J. Roloff).nach oben


► Contra: Die Argumente können die Zweifel am Alter der Grabüberlieferung nicht zerstreuen.

  1. Die älteste Überlieferung kennt das leere Grab nicht. Nur im Zusammenhang mit erzählerischer Entfaltung erscheint das leere Grab. Die Formeltradition bietet eine Fehlanzeige, Paulus spricht ebenfalls nicht vom leeren Grab. Wenn nach jüdischer Anthropologie von einem leeren Grab hätte ausgegangen werden müssen, ergibt sich gerade kein Argument für die Annahme, dass das Grab Jesu leer aufgefunden wurde. Denn eine entsprechende Erzähl-Überlieferung würde sich gerade aus den gedanklichen Voraussetzungen erklären, die in Szene gesetzt werden könnten, ohne dass dafür ein historischer Haftpunkt gegeben gewesen wäre.
  2. Es gibt keinen ernsthaften Anhaltspunkt dafür, dass das leere Grab in der ersten Verkündigung in Jerusalem irgendeine Rolle gespielt hätte (auch nicht in Apg 2,24-31; Mt 28,11-15). Das Argument, der im Grab befindliche Leichnam Jesu hätte die urchristliche Mission unmöglich gemacht, geht von der falschen Voraussetzung aus, dass irgendeine Seite daran interessiert gewesen sein könnte, das Grab Jesu zu öffnen. Selbst wenn alle Beteiligten gewusst hätten, wo Jesus begraben worden war (keineswegs selbstverständlich!), hatte doch niemand Veranlassung, die urchristliche Verkündigung am Zustand des Grabes zu überprüfen:
    • Aus urchristlicher Sicht müsste ein solches Vorgehen die Erscheinungen und die Botschaft von der Auferweckung entwerten.
    • Aus Sicht von Zweiflern würde ein Gang zum Grab voraussetzen, dass ihre Vorbehalte gegen die urchristliche Botschaft durch ein leeres Grab zerstreut würden – kaum denkbar aufgrund der Mehrdeutigkeit des Faktums. Die urchristliche Verkündigung hat denn auch das leere Grab nicht als Argument für die Auferstehung eingesetzt.
    • Aus der Sicht möglicher Gegner (etwa aus den Reihen des Hohen Rats) wäre die Öffnung des Grabes wertlos, weil sie fürchten müssten, dass die Stätte schon entsprechend »präpariert« wäre und man mithin gerade kein Gegenargument gewinnen könnte.
  3. Die Argumentation mit Mk 16,1-8 blendet zum einen die massiven historischen Schwierigkeiten aus, die diese Geschichte bereitet (s. hier). Zum andern sind aber auch die daraus gewonnenen positiven Argumente nicht überzeugend.
    • Dass Frauen als Handlungsträger eingesetzt werden, erklärt sich aus dem Gang der Passionsgeschichte: Sie sind nach Mk 15,40f.47 die einzigen verbliebenen Anhänger Jesu.
    • Dass das leere Grab nicht zum Glauben führt, ist kein Beleg für Historizität, ebenso wenig die Distanz zwischen Findung des Grabes und den Erscheinungen. Sie kann gerade in umgekehrter Richtung ausgewertet werden: Wenn nach den ältesten Zeugnissen den Erscheinungen die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Osterglaubens zukommt, war die Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes nicht ohne weiteres in diese (bereits bestehende) Tradition zu integrieren.

    • Die Besonderheiten von Mk 16,1-8 lassen sich gut in die Theologie des MkEv einordnen (s. »Die Passionserzählung des Markusevangeliums«, 5.).

  4. Setzt die jüdische Tradition der Auferstehungshoffnung wirklich die Vorstellung voraus, dass die Toten aus den Gräbern kommen? Oder ist sie auch verständlich als »Bild für die Überwindung des Todes und für das gottgewirkte unvergängliche Leben« (H. Kessler)?

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