Bibelstudium
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Apokryphe Evangelien

Seit den 1990er-Jahren rückt die Analyse der sogenannten apokryphen Evangelien immer mehr in den Fokus der ntl. Wissenschaft, auch wenn die Beschäftigung mit solchen Texten schon wesentlich länger zu konstatieren ist. Neben den vier kanonischen Evangelien, d.h. den Evangelien, die in die Heilige Schrift des Christentums aufgenommen wurden, gibt es noch zahlreiche andere Texte, die man hinsichtlich der Gattung, Titel oder Inhalt den kanonischen Evangelien an die Seite stellen kann.

Der Begriff apokryph (gr. ἀπόκρυφος) bedeutet »geheim«, »verborgen« oder »versteckt«. Diese wörtliche Übersetzung ist auf den ersten Blick ein wenig irreführend, wenn man sie auf antike Texte anwendet. Als apokryph bezeichnet man in erster Linie Texte, die gattungsmäßig mit neutestamentlichen Texte vrgleichbar sind (in erster Linie Evangelien und Apostelakten, aber auch andere Schriften), allerdings von der Kirche nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen wurden. Die Gründe für die Nichtaufnahme in den Kanon sind dabei vielfältig. Zwei Kriterien sollten kanonische Evangelien in jedem Falle erfüllen.

  • Katholizität: Rezeption innerhalb der Großkirche Viele Texte waren in ihrer Bedeutung regional beschränkt. Um allgemeine Geltung beanspruchen zu können, musste eine Schrift auch allgemein verbreitet und anerkannt sein.
  • Apostolizität: Rückführung auf die Ursprungszeit Die Schrift musste apostolischen Ursprungs sein. Nicht in jedem Fall musste aber ein Apostel auch tatsächlich der Autor der Schrift sein, wenn dies auch der Idealfall war. Entscheidend war die Zugehörigkeit zur Ursprungszeit.

Viele apokryphe Texte treten auch ganz bewusst in Konkurrenz zu den kanonisierten Texten. In diesem Zusammenhang erlangt die Bezeichnung »apokryph« eine weitere Bedeutung: Apokryphe Evangelien transportieren geheimes Wissen als die einzig wahre Lehre des Christentums. Die Kirchenväter lehnten Geheimlehren aber ab, und so geriet auch der Begriff apokryph kirchlicherseits unter negatives Vorzeichen und konnte auch im Sinne von »verworfen» gebraucht werden. 

So bieten diese Schriften einen Einblick in den Entstehungsprozess des Christentums, da neben der anerkannten Lehre der kanonisierten Texte auch Positionen bekannt sind, die in Konkurrenz zur Lehre der Großkirche stehen.


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